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Armin Andrä Ehrenbürger von Crimmitschau 18. 01. 2013

Der Zahnmediziner Prof. Dr. mult. Dr. h.c. Armin Andrä ist zum Ehrenbürger seiner Heimatstadt Crimmitschau ernannt worden.
Die Laudatio zur Ernennung hielt sein Verleger Ingo Koch:

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, sehr geehrter Herr Professor Andrä, sehr geehrte Damen und Herren,

ich habe die besondere Ehre eine Laudatio für eine Ehrenbürgerschaft dieser Stadt zu halten.
Und ich gestehe, dass ich diese Aufgabe besonders gerne angenommen habe, denn sie geht an einen Menschen, den auch ich ganz besonders schätze, sie geht an einen Sohn dieser Stadt, der seinen wissenschaftlichen Weg weit im Norden, in Rostock, gegangen ist. Sie geht an Prof. Dr. mult. Dr. h. c. Armin Andrä.

Der Laureat ist aus Rostock angereist und der Laudator auch – was macht das für einen Sinn?

Rostock und Crimmitschau trennen etwa 450 km in ziemlich genauer Nord-Süd-Entfernung, also Luftlinie.

Wenn wir nach Gemeinsamkeiten in der Geschichte beider Städte suchen, finden sich nur wenige Berührungspunkte: So etwa die Zeit der Ersterwähnung, der Ursprung in der feudalen deutschen Ostexpansion und die große Bedeutung der Bierbrauerei bis zum Dreißigjährigen Krieg.

Crimmitschaus erste Siedler stammten aus dem Mainfränkischen, aus Oberfranken und aus dem nahen Thüringen. Die ersten nichtslawischen Rostocker kamen hauptsächlich aus Westfalen und Holland, später auch aus Skandinavien.
Crimmitschau wurde Textilindustriestadt, die Stadt der 100 Schornsteine.
In Rostock entwickelte sich die Hafenwirtschaft und der Schiffbau.

Die 1419 gegründete Universität prägte nicht nur den Ruf Rostocks, sondern zunehmend auch deren Geistesgeschichte und Antlitz.

Und an eben diese Universität kam 1957 der am 15. August 1926 in Crimmitschau geborene junge Mediziner Armin Andrä.
Zuvor hatte er eine Ausbildung als Zahntechniker in Glauchau absolviert und danach an der Friedrich-Schiller-Universität Jena Zahnheilkunde und Medizin studiert und an Kliniken in Gera und Greiz wichtige Erfahrungen als Arzt gesammelt. 1958 promovierte er in seiner neuen wissenschaftlichen und sozialen Heimat zum Doktor der Medizin.

Nach der der Facharztanerkennung im Jahre 1960 begann Armin Andrä seine beispiellose akademische Karriere.

Und für eine gute Laudatio gehört es sich zumindest, die wichtigsten Stationen dieses Lebens aufzuzählen. Obwohl – das möchte ich gleich sagen – beließen wir es dabei – es sich um eine außerordentlich eindimensionale Betrachtung dieser Persönlichkeit handeln würde.
Und dann stellt sich für den kritischen Betrachter außerdem sicherlich die Frage nach dem Zweck dieser Laudatio hier in Crimmitschau. Schließlich wird hier nicht die Ehrendoktorwürde verliehen – die bekam er übrigens von Universität Riga bereits 1990 für seine medizinischen Verdienste, sondern hier geht es um die Verleihung der Ehrenbürgerschaft seiner Heimatstadt Crimmitschau.

Deshalb möchte ich hier eines schon vorwegnehmen: Armin Andrä ist immer ein Crimmitschauer geblieben, mit dem Herzen und mit dem Kopf. Und wo er herkam, das wussten viele seiner Patienten, seiner Kollegen und Studenten. Er blieb immer „der aus Crimmitschau“ – wie er oft respekt-, aber auch liebevoll genannt wurde und wird, wenn es mal nicht akademisch hergeht.

Aber dennoch zurück zu den akademischen Verdiensten.
1964 habilitierte sich unser Laureat zum Thema „Funktionelle und morphologische Ergebnisse nach Gaumenspaltenoperationen“ und sechs Jahre später erfolgte die Berufung zum ordentlichen Universitätsprofessor auf den Lehrstuhl für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie.

Noch im selben Jahr wurde er Direktor der Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie an der Medizinischen Fakultät der Universität Rostock. In diesem Amt wirkte er bis 1991, auch wenn sich die Bezeichnungen der Kliniken bzw. universitären Verwaltungsbereiche in den Jahren seiner Leitungstätigkeit so manches Mal änderten. Der erfahrene Wissenschaftler, Hochschullehrer, Arzt und letztlich auch Team-Leiter war unverzichtbar. Aber er war auch bereit, über seinen eigentlichen Arbeitsbereich hinaus Verantwortung zu übernehmen.

Das tat er von 1977 bis 1983 als Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Rostock. Er war in dieser Zeit maßgeblich an der wissenschaftlichen Entwicklung der Fakultät beteiligt und widmete sich insbesondere der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses.

Wichtig war ihm die Entwicklung von kontinuierlichen Kontakten zu Partnerkliniken im In- und Ausland – so beispielsweise nach Hamburg, Riga und Szczecin.

Was ist ein Hochschullehrer ohne seine Studenten, seine Doktoranden und Habilitanden?

Die Studenten, die durch seine Hände gingen konnten nicht so ohne weiteres ermittelt werden – obwohl selbst das möglich gewesen wäre – aber als Doktorvater betreute er 112 Promovenden, die den Titel Dr. med. oder Dr. med. dent. erwarben. Fünf Mitarbeiter seiner Klinik führte er zur Habilitation.
Schwerpunkt seiner Forschungsarbeit waren die Lippen- Kiefer und Gaumenspalten, obwohl sich seine wissenschaftliche Arbeit über das gesamte Fachgebiet erstreckte.

Sein wissenschaftliches Oeuvre umfasst drei Monografien, 21 Beiträge in Sammelbänden und 165 Publikationen in Fachzeitschriften. Er fungierte als Autor und Herausgeber von zehn Fach- und Lehrbüchern. Und letztendlich gab er sein Wissen nicht nur in Vorlesungen und anderen Lehrveranstaltungen an seine Studenten weiter, sondern referierte auf zahlreichen Fachkongressen im In- und Ausland. Fast 400 Vorträge kamen auf diese Weise zusammen.

Seinen Mitarbeitern ist er als Mensch in Erinnerung geblieben, der dem Neuen stets aufgeschlossen gegenüber stand, der seine Mitarbeiter unterstützte, aber auch hohe Forderungen stellte – wie an sich selbst.

Den Bürgern aus dem Osten Deutschlands ist Andrä auch aus der Sendereihe Visite des DDR-Fernsehens gut bekannt. In über ein Dutzend Sendungen hat er die Zuschauer über vorbeugende Maßnahmen zur Zahngesundheit sowie über Zahn- und Kieferkrankheiten publikumswirksam informiert.

Eine unglaubliche Leistungskraft. Wie konnte man annehmen, dass sich dieser Mensch nach seiner Emeritierung im Jahre 1991 zur Ruhe setzten würde?

Armin Andrä entdeckte im schöngeistigen Schreiben einen neuen Schaffenskreis und er fand im Rostocker Altstadt Verlag von Dr. Christa Prowatke und deren Mitstreiterinnen, insbesondere der Grafikerin Andrea Sommerfeld, die Menschen, die seine Kreativität auch auf diesem Gebiet zu schätzen wussten.
Diese schöpferische Verbindung hält bis zum heutigen Tag an und erstreckt sich auch auf die Publikationen, die später im Ingo Koch Verlag erschienen.

Zahlreiche Sammelbände mit wunderschönen Erzählungen und Erinnerungen aus der Feder von Armin Andrä erschienen in den beiden Verlagen. Immer wieder findet der Leser hier Beziehungen zu seiner Herkunft, an Crimmitschau und die westsächsische Region. Er zeichnet Landschaften und Persönlichkeiten mit viel Gespür und liebevoller Zuneigung. Er ist ein präziser Beobachter und sprachlich gewandter Gestalter.

Eine schriftstellerische Tugend, bei der ihm seine jahrzehntelange wissenschaftliche Arbeit, die exakte Fähigkeit zur Beobachtung und zum anschaulichen Formulieren helfen.

Es ist schwer aus dem reichhaltigen literarischen Schaffen der letzten 20 Jahre ein Buch herauszuheben. In vielen Titeln erzählt Andrä auch immer ein Stück von sich, spricht von seiner Haltung zu den Menschen, betrachtet die Vielfalt und Schönheit, aber auch Kompliziertheit des Lebens früher und heute. Er ist dabei ebenso frei von nostalgischen Verklärungen wie von zeitgeistlichen Denkgebilden.

Andrä ist und bleibt ein freier Geist.

Seine 2005 erschienenen Memoiren nannte er „Von Crimmitschau nach Rostock – Erinnerungen eines Arztes und Forschers“.

Armin Andrä widmete dieses Buch vorrangig Crimmitschau und er machte deutlich, wie Kindheit und Jugend, wie die Heimatstadt, die soziale und familiäre Umwelt einen Menschen prägen können. Armin Andrä stellte seine Lebenserinnerungen in einer Lesung im Theaterfoyer hier in Crimmitschau selbst vor. Besonders mit diesem Buch hat er seiner Heimatstadt Crimmitschau ein literarisches Denkmal gesetzt.

Noch eine Kleinigkeit: Ohne großen Aufhebens hat Herr Andrä bei so mancher Veröffentlichung auf sein Honorar verzichtet und bedürftige Einrichtungen, wie das Kinder- und Jugendheim hier in Crimmitschau unterstützt. Das ist ihm eine Herzensangelegenheit bis heute.

Den Hochschullehrer, Arzt, Forscher und Wissenschaftsmanager zieht es aber immer wieder zurück an seine Universität. Er kann sie nicht loslassen.
Und was er nun zusammen mit seinem ehemaligen Kollegen Prof. Dr. Heinrich von Schwanewede leistet, ist ein jahrelanger Kraftakt der besonderen Art: Gemeinsam wird die Geschichte der Zahnmedizin an der Rostocker Universität von den Anfängen bis in die Gegenwart erforscht und in zwei Bänden unter dem Titel „Vom Barbieramt zur modernen Klinik“ auf 660 Seiten dargestellt.
Im deutschsprachigen Raum findet sich nichts Vergleichbares zur Geschichte dieser medizinischen Disziplin. Wieder eine Pionierarbeit.

Eine Laudatio, meine Damen und Herren, ist eine Lobesrede, böse Zungen sagen: eine Lobhudelei – und ich glaube, dass es Armin Andrä langsam auch zu viel wird der guten Worte. Denn auch das ist ein Charakterzug des zu Ehrenden: Er ist bescheiden und bodenständig geblieben. Zugeben: Manchmal mit dem Schalk im Nacken, aber niemals böse, eher heiter, nachdenklich und wohl auch besinnlich.

Deshalb hat er wohl sein erstes belletristisches Buch so genannt: „Heiteres und Besinnliches. Geschichten aus meinem Leben“
Hier erzählt er Alltagsgeschichten von der Kindheit und Jugend in Crimmitschau, aber auch von den schrecklichen Erlebnissen als Soldat im Zweiten Weltkrieg, berichtet von seiner Verwundung – einem Lungensteckschuss – kurz vor der bedingungslosen Kapitulation, von Kameradschaft und Falschheit.

Die ersten Wochen und Monate nach dem Kriegsende mit den neuen Gefahren aber auch Chancen und Hoffnungen werden plastisch.

Und es entspricht dem Wesen des Armin Andrä, dass er die heiteren Seiten des Lebens immer in den Mittelpunkt stellt und dabei ganz und gar selbstironisch mit sich umgeht – viel Charme und Witz stecken in diesem Buch, Begebenheiten aus dem Medizineralltag, Begegnungen mit ganz einfachen Menschen, voller Liebe und Achtung vor deren Leben und Leistung erzählt.
Und weil ihm nicht der Stand, der Beruf oder eine andere imaginäre Größe bei der Beurteilung eines Menschen oder einer Familie wichtig waren, steht er zu seiner Liebe zu Elisabeth – genannt Lies - Steinhauser, die später seine Ehefrau wurde.
Und so liebevoll beschreibt der Kleinbürgersohn auch seine Schwiegereltern als einfache, arbeitsame, rechtschaffende und sehr bescheidene Menschen.
Am 14. Januar 2005 verstarb seine geliebte Lies nach langer schwerer Krankheit.

So sensibel, wie er über seine Frau berichtet, so schreibt er auch über seine Freunde. Geselligkeiten, kritischer Meinungsaustausch und kreativer Streit haben diese Freundeskreise Jahrzehnte zusammen gehalten, sie gaben ihm Halt und Kraft, auch schwierige Situationen und Stunden zu bestehen.

Und immer wieder redet dieser weltgewandte Mann von seiner Heimatstadt – und er könnte von so manch anderem Ort dieser Welt berichten. Doch stattdessen redet er nicht nur, sondern er schreibt auch. Zusammen mit Christine Rabe als Fotografin erschien im letzten Jahr das Buch „Crimmitschau und Umgebung in Wort und Bild. Band 1“ – Ganz nebenbei gesagt: Zwei weitere Bände sind in Vorbereitung. Und dafür wünschen wir natürlich viel Kraft und Gesundheit, denn schon der erste Band zeugt von der inneren Zuneigung des Laureaten zu seiner Heimatstadt. Ja, dieser Band berührt seine Leser und regt zum Entdecken der Stadt und der Region an.

Crimmitschau ehrt einen Menschen, der sein Leben in den Dienst anderer Menschen gestellt hat, der es stets verstanden hat, seiner ethischen Verantwortung im Beruf und im Leben gerecht zu werden, bis zum heutigen Tag.

Sehr geehrte Damen und Herren, wir haben vorhin die Bemerkungen des Herrn Oberbürgermeister zur Entwicklung Ihrer Stadt gehört. Ich glaube, Sie alle können stolz auf Ihre Stadt sein und sie können stolz sein auf ihren neuen Ehrenbürger.

Dr. Ingo Koch