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Hans Pfaffenberger gestorben 11. 03. 2012

Unser Autor Hans Pfaffenberger
(mit Richard Sorg Herausgeber des Sammelbandes „Von der Wissenschaft des Sozialwesens“) verstarb in der vergangenen Woche.

Unser Beileid gehört seiner Familie. Wir veröffentlichen den Nachruf der Siegener Professorin Sabine Hering, der in der SOZIAL. EXTRA 3-4/2012 erscheinen wird.

Ingo Koch Verlag & Co KG, Rostock


Sabine Hering
Hans Pfaffenberger ist tot
Ein Nachruf

Kurz vor seinem 90. Geburtstag ist Hans Pfaffenberger gestorben. Die deutschen und die internationalen Foren Sozialer Arbeit haben damit eine ihrer großen Gallionsfiguren verloren.

Hans Pfaffenberger wurde zu Beginn der Weimarer Republik in einer aufstrebenden Arbeiterfamilie in Franken geboren. Die Mutter machte sich als Näherin selbständig, der Vater wurde nach einem Unfall Beamter bei der Reichsbahn. Der Sohn Hans – das einzige überlebende Kind der Familie - wurde auf ein Gymnasium geschickt und legte 1941 als bester Schüler seiner Klasse ein Notabitur ab.

Die Eltern waren ‚Linke‘, der Beitritt des Sohnes zur HJ wurde so lange es ging vermieden. Trotzdem führte auf die Dauer kein Weg an der Hitlerjugend vorbei und auch nicht an der Einberufung zum Militär: Grundausbildung ‚Panzerabwehr‘, Transport nach Afrika, U-Boot-Einsätze. Und – zum Glück – bereits 1942 britische Kriegsgefangenschaft mit Transport in ein Lager in Kanada. Wiederum ein Glücksfall, da das Lager nicht nur über eine deutsche Lageruniversität mit einer beachtlichen Bibliothek verfügte, sondern auch die Möglichkeit bot, ein Fernstudium an der Universität in Saskatchewan zu absolvieren.

Pfaffenberger lernte auf diesem Wege die Konzepte der aktuellen amerikanischen Psychologie kennen und schuf sich damit ein ebenso modernes wie tragfähiges Fundament, um den alten Wehrmachtpsychologen zu widerstehen, bei denen er studieren und sein Examen machen musste, als er 1946 nach Deutschland zurückkam. 1948 absolvierte er an der Universität Münster die Prüfung zum Diplompsychologen und suchte nach Möglichkeiten, mit seinen Qualifikationen Geld zu verdienen. Er verfasste für Zeitschriften psychologische Artikel über Berufs- und Partnerwahl - war also eine Art „Briefkastenonkel“. Gleichzeitig baute er zusammen mit einer Kollegin und mit Unterstützung der Amerikaner ehrenamtlich die erste Erziehungsberatungsstelle nach dem Krieg in Nürnberg auf.

Die Arbeit gefiel den Amerikanern so gut, dass sie Pfaffenberger zu einer Studienreise in die USA einluden, um seine Kenntnisse in Erziehungsberatung und Counseling zu erweitern. 1950/51 reiste er mit einer Gruppe von Kollegen quer durch die USA, um entsprechende Einrichtungen näher kennen zu lernen. In Chicago traf er Carl Rogers und bekam erstmals engeren Kontakt zur Sozialarbeit. In Minnesota begegnete er Gisela Konopka und Heinrich Schiller – Eindrücke, welche Pfaffenbergers Entscheidung für ein zukünftiges Engagement in der Sozialen Arbeit bestärkten und ihr eine nachhaltige inhaltliche Ausrichtung gaben.

Nach Deutschland zurückgekehrt, bekam Pfaffenberger das Angebot, eine Stelle in der Heimerziehung zu übernehmen, eine Aufgabe, die er mit viel Engagement und Einfühlungsvermögen übernahm. Besonders intensiv kümmerte er sich um eine gründliche Anamnesen der Fälle, um die Probleme der Kinder zu ergründen und sich dem Jugendamt gegenüber für die richtigen Hilfen einsetzen zu können.

Durch diese Tätigkeit und seine Kontakte zur Arbeiterwohlfahrt hat sich Pfaffenberger frühzeitig so viel Renommee erworben, dass er bereits 1954 - mit 32 Jahren - als Dozent der Wohlfahrtsschule der AWO in Mannheim angestellt und 1958 Direktor der Einrichtung wurde. Kurz darauf siedelten er nach Düsseldorf über, wo er Direktor des Marie-Juchacz-Hauses wurde, das aus zwei Schulen bestand: einer Wohlfahrtsschule und einem Kindergärtnerinnenseminar. Etwas später kam noch der von ihm initiierte Modellversuch einer grundständigen Ausbildung zur Sozialpädagogik hinzu.

Eine der Besonderheiten dieser Einrichtung war ihre Vorreiterrolle bei der Umwandlung von der Höheren Fachschule zur Fachhochschule, eine Entwicklung, die selbst von den Befürwortern des Fachhochschulkonzepts zunächst nur für die Bereiche „Technik“, „Design“ und „Betriebswirtschaft“ vorgesehen war. In Bezug auf das Sozialwesen war man der Auffassung, dass es nicht das notwendige Niveau für eine Fachhochschulausbildung aufzuweisen habe.

Es gehört zu Pfaffenbergers großen Verdiensten, dass er federführend dazu beigetragen hat durchzusetzen, dass die Ausbildung zur Sozialen Arbeit in die damals einsetzenden Umwandlungsprozesse einbezogen wurde. Er setzte sich auch mit Nachdruck für die Verstaatlichung der Ausbildungsinstitutionen sozialer Berufe ein – ein Vorstoß, der bei den Schulen der AWO gelang, bei den konfessionellen Einrichtungen aber nicht. Seine konstruktive ‚Liaison‘ mit der Arbeiterwohlfahrt war aber nicht von langer Dauer.

Aufgrund seiner kritischen Haltung gegenüber den Unvereinbarkeitsbeschlüssen und Berufsverboten der SPD-Regierung kam es zu heftigen Konflikten mit der Leitung der Arbeiterwohlfahrt. Die damit verbundenen Auseinandersetzungen machten es Pfaffenberger leicht, einem Ruf nach Konstanz auf eine Professur für Sozialarbeit zu folgen - auf die erste und einzige Professur dieser Art nach dem Krieg.

Wie in Düsseldorf gab es allerdings auch in Konstanz heftige Konflikte um die Reform der Universität. Der Gründungsrektor trat aus Protest zurück, und die Universität bekam einen staatlichen Kommissar eingesetzt, der die reformfeindliche Position des Kultusministeriums vertrat. Pfaffenberger bewarb sich deshalb auf eine Stelle an der Uni in Trier, wo er bis zu seiner Emeritierung blieb.

Zu den richtungsweisenden Vorstellungen, die er vertrat, gehörte die Einsicht, dass Sozialarbeit und Sozialpädagogik keine zwei verschiedenen Berufe sind, auch keine zwei verschiedenen Fächer. Seiner Auffassung nach, die er in seinen zahlreichen Publikationen vertreten hat, überschneiden sich beide Richtungen so weit, dass sie – entsprechend der von ihm entworfenen Konvergenztheorie - nur als Einheit zu verstehen sind. Dass diese Einheit inzwischen durch den Begriff „Soziale Arbeit“ hergestellt ist, konnte Pfaffenberger in seinen letzten Lebensjahren mit Befriedigung zur Kenntnis nehmen. Trotzdem hat er viele der aktuellen Entwicklungen sorgenvoll zur Kenntnis genommen: in erster Linie den allgemeinen Sozialabbau, verbunden mit dem spezifischen Abbau von Sozialstaatlichkeit.

Leitbilder oder Vorbilder hat er keine gehabt: In der Zeit, in der er dafür empfänglich gewesen wäre, d.h. in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, hat es seiner Auffassung nach an den richtigen Bezugspersonen für ihn gefehlt. Später hat er sich seine eigenen Maßstäbe gesetzt und diese mit großer Vehemenz vertreten und aufrechterhalten.

Sicherlich war Hans Pfaffenberger auch ein ‚fränkischer Dickkopf‘. Vor allem aber war er ein vollkommen aufrechter Mensch, der mit Scharfsinn und analytischer Präzision den Dingen auf den Grund gegangen ist – und der als Humanist, Pazifist und Demokrat der Profession Sozialer Arbeit nicht nur ein wissenschaftliches Fundament, sondern auch ein Ethos hinterlassen hat, für das wir ihm zu großen Dank verpflichtet sein können.